Geplante Obsoleszenz

Aus Nachhaltigkeitspolitik
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Buchtipp: "Kaufen für die Müllhalde
Das Prinzip der geplanten Obsoleszenz"
von Jürgen Reuß und Cosima Dannoritzer[1]


Die Geplante Obsoleszenz, auch geplanter Verschleiß oder eingebaute Schwachstelle, beschreibt eine Spezialform der Obsoleszenz. Dabei wird die Lebensdauer von Produkten von Seiten der Hersteller absichtlich reduziert. Das Phänomen war schon mehrfach Gegenstand wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Debatten, ist aber nach wie vor nicht klar definiert. Insbesondere der Nachweis der Absichtlichkeit und die Abgrenzung zur Sollbruchstelle fällt schwer: Der Duden beschreibt als Sollbruchstelle eine „Stelle in einem Bauteil o. Ä., die so ausgelegt ist, dass in einem Schadensfall nur hier ein Bruch erfolgt.“[2]

Inhaltsverzeichnis

Film "Kaufen für die Müllhalde"

Definition der geplanten Obsoleszenz

Der Begriff geht zurück auf Bernard Londons Veröffentlichung Ending the Depression Through Planned Obsolescence aus dem Jahre 1932.[3]

Gemeint ist mit ihm heute ein Teil einer Produktstrategie, bei der schon während des Herstellungsprozesses bewusst Schwachstellen in das betreffende Produkt eingebaut, Lösungen mit absehbarer Haltbarkeit und/oder Rohstoffe von minderer Qualität eingesetzt werden, die dazu führen, dass das Produkt schneller schad- oder fehlerhaft wird und nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden kann.

Zur geplanten Obsoleszenz gehören auch Maßnahmen, die nicht auf die direkte (Zer-)Störung der eigentlichen Funktionalität abzielen, sondern bewusst Möglichkeiten der Abnutzung einbauen. So kann durch entsprechende Materialauswahl das Aussehen und die Haptik eines Produkts derart beeinflusst werden, dass (etwa) nach Ablauf der Gewährleistungsfrist ein direkter Vergleich mit Neuprodukten Letztere erheblich besser dastehen lässt, als es bei einem bloßen Vergleich ihrer Funktionalität der Fall wäre. So werden etwa bei Mobiltelefonen bewusst leicht einzudrückende Schalen oder Gehäuse mit Kunstlederanteilen eingesetzt, die nach einiger Zeit deutlich abgegriffen erscheinen.

Möglich ist auch der Einbau von Mechanismen, die nach einer gewissen Betriebsstundenzahl (die dabei größer als die Garantiezeit sein sollte) entweder eine Zerstörung wichtiger Funktionskomponenten hervorrufen oder zumindest eine Betriebsstörung vortäuschen. Das Gerät kann dann nur noch durch eine in der Gebrauchsanleitung nicht dokumentierte, allein den Servicetechnikern bekannte Aktion wieder in Gang gebracht werden. Letzteres war (und ist womöglich immer noch) bei manchen PC-Druckern der Fall.[4][5] Auch durch falsche oder mangelhafte Angaben bei Gebrauchs- und Reparaturhinweisen kann die Langlebigkeit von Produkten verkürzt werden.[6] Kaufen für die Müllhalde ist ein mehrfach preisgekrönter französisch-spanischer Dokumentarfilm der Regisseurin Cosima Dannoritzer aus dem Jahr 2010.[7] Der Film erschien zunächst im Kino und wurde im deutschen Fernsehen ab 2011 mehrfach auf Arte[8] und Phoenix[9] ausgestrahlt.

Handlung

Die Dokumentation befasst sich mit geplanter Obsoleszenz, der vom Hersteller absichtlich eingeschränkten Lebensdauer von Produkten, die den Absatz von Ersatzprodukten erhöhen soll. Neben der Behandlung konkreter Beispiele geht es um die ökonomischen und ökologischen Folgen der Konsumgesellschaft. Zu Wort kommt unter anderem der französische Ökonom und Philosoph Serge Latouche als Vertreter des Konzepts der Wachstumsrücknahme.

Behandelte Beispiele

  • Das Centennial Light (englisch hundertjähriges Licht) gilt als die langlebigste Glühlampe der Welt. Sie wird als Beleg für Absprachen unter Glühbirnenherstellen im Rahmen des Phoebuskartells herangezogen, dessen Ziel es unter anderem war, die durchschnittliche Lebensdauer von Glühlampen auf 1000 Stunden zu beschränken.
  • Anhand der Marktstrategie von Alfred P. Sloan, Präsident von General Motors von 1923 bis 1937, wird der Einzug der geplanten Obsoleszenz in die Automobilindustrie aufgezeigt.
  • Im Rahmen der Weltwirtschaftskrise schlug Bernard London in seinem Werk „Ending the Depression Through Planned Obsolescence“ vor, alle Produkte mit einem Verfallsdatum zu versehen, nach dessen Ablauf sie bei einer Behörde abgeliefert und zerstört werden müssten. Auf diese Weise sollten der Konsum angeregt und Arbeitsplätze geschaffen werden.
  • Die ebenfalls sehr langlebige Glühbirne der Marke Narva wird als weiterer Hinweis für die Existenz der geplanten Obsoleszenz bei modernen Glühlampen behandelt.
  • Besonders resistente Nylonstrumpfhosen sollen zwecks schnelleren Verschleißes durch minderwertigeres Material kurzlebiger gemacht worden sein.
  • Der Tintenstrahldrucker Epson Stylus C42UX soll nach einer bestimmten Anzahl gedruckter Seiten eine Defektmeldung ausgeben, woraufhin die weitere Verwendung des Druckers verhindert wird. Diese Sperre, die durch einen speziell für diesen Zweck vorhandenen Chip verursacht werden soll, könne mit Hilfe einer speziellen Software abgeschaltet werden.
  • Der Akku des iPod classic wird als Beispiel für geplante Obsoleszenz bei moderner Unterhaltungselektronik herangezogen.

Auszeichnungen

  • Best Documentary on 'Science, Technology and Education', GZDOC 2010, China[10]
  • Best Documentary, Spanish Television Academy Awards, 2011
  • Best Film, SCINEMA 2011, Australia[11]
  • Best Feature Documentary, Filmambiente 2011, Brazil[12]
  • Maeda Special Prize, NHK Japan Prize 2011[13]
  • Ondas Internacional 2011, Spain
  • Special Jury Mention, FICMA 2011, Spain
  • Finalist, Focal International Awards 2011, London, U.K.
  • Finalist, Magnolia Awards, Shanghai TV Festival 2011, China
  • Finalist, Prix Europa 2011, Berlin

Ökodesign–Richtlinie fördert Langlebigkeit von Elektrogeräten

Ab 2021 strengere Anforderungen für zehn Produktgruppen in Bezug auf Energieeffizienz

Die EU-Mitgliedsstaaten und die Europäische Kommission haben sich auf umfassende Neuregelungen im Rahmen der EU-Ökodesign-Richtlinie geeinigt. Zukünftig gelten strengere Anforderungen für zehn Produktgruppen in Bezug auf ihre Energieeffizienz. Zu diesen Gruppen zählen u. a. Geschirrspüler, Waschmaschinen, Kühlschränke und Halogenlampen. Erstmals wurden auch Kriterien für die Reparatur und den Einsatz von Ersatzteilen aufgestellt.[14]

Ab 2021 sind Ersatzteile für Elektro- und Elektronikgeräte Pflicht

Bisher gab es lediglich Regelungen für den Energieverbrauch, die von Umwelt- und Verbraucherorganisationen jedoch massiv kritisiert wurden. Da nur ein sehr geringer Anteil der knappen Rohstoffe, die in Elektrogeräten verbaut werden, recycelt werden kann, legt die neue Richtlinie den Fokus darauf, Geräte schon im Voraus energieeffizienter zu gestalten. Die neue Verordnung enthält Bestimmungen, die es in Zukunft erleichtern sollen, Geräte zu reparieren und Bauteile auszutauschen. So sind z. B. Ersatzteile und Informationen zur Reparatur verpflichtend durch den Hersteller zur Verfügung zu stellen.[14]

Ab 2021 Recht auf Reparatur

Irmela Colaco, Projektleiterin Energieeffizienz des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), bezeichnet die neue Verordnung als „Riesenschritt“. Außerdem falle es so in Zukunft leichter die Ökodesign-Vorgaben auch auf andere Produkte auszuweiten, so Colaco weiter. Die maximal 15-tägige Lieferfrist von Ersatzteilen ist laut Umweltverbänden allerdings noch immer zu lang. Insbesondere im Bezug auf Waschmaschinen und Kühlschränke führt das zu Problemen, da das Fehlen dieser Geräte den Verbraucher stark einschränkt, so Johanna Sydow, Rohstoffexpertin von Germanwatch. Dennoch ist sie positiv überrascht von der neuen Ökodesign-Richtlinie und sieht in ihr einen „wichtigen Bestandteil des Rechts auf Reparatur“. Ab 2021 müssen alle Hersteller und Importeure von Elektro- und Elektronikgeräten die neue Verordnung im europäischen Markt einhalten.[14]

Verbraucherschützer kritisieren fest eingebaute LED-Lampen

Bei fast einem Drittel der Leuchten können Leuchtmittel nicht ausgetauscht werden

Immer mehr Decken-, Tisch- oder Stehleuchten haben fest eingebaute LED-Lampen, die nicht ausgetauscht werden können. Die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz überprüfte in einer Stichprobe mehr als 4.000 Leuchten aus fünf Baumärkten. Das Ergebnis: Bei fast einem Drittel der Leuchten, in zwei Baumärkten sogar bei über 40 Prozent, waren die Leuchtmittel nicht austauschbar. "Diese Entwicklung sehen wir mit Sorge", erklärte die Energieexpertin der Verbraucherzentrale, Elke Dünnhoff. Gehen einzelne LED-Lampen nach Ablauf der gesetzlichen Gewährleistungsfrist von zwei Jahren kaputt, "dann muss man sie auf eigene Kosten reparieren lassen – oder die gesamte Leuchte landet auf dem Müll.[15]

Ökodesign-Richtlinie: nur 50% der LED-Leuchtmittel müssen die angegebene Lebensdauer erreichen

Zwar seien LEDs in der Regel sehr langlebig. Laut Herstellerangaben hielten sie etwa 15 bis 25 Jahre, erklärte Dünnhoff. Doch gebe es Schlupflöcher bei den vorgeschriebenen Produkttests. So müsse die Mindestlebensdauer von 6.000 Stunden nur von 90 Prozent der getesteten Lampen erreicht werden. Das entspreche einer Brenndauer von täglich drei Stunden in sechs Jahren. Zudem berücksichtigten die Tests keine Spannungsschwankungen, wie es sie im echten Stromnetz gebe. Ein weiteres Schlupfloch sei die Ökodesign-Richtlinie für Lampen und Leuchten, wonach nur 50 Prozent der Lampen die auf der Verpackung angegebene Lebensdauer tatsächlich erreichen müssen. "Wer eine LED der anderen Hälfte erwischt, hat Pech gehabt", erklärte Dünnhoff.[15]

Beispiele für geplante Obsoleszenz: Opel-Fahrer-Gummi-Fußmatte wird nicht angbeboten

Wer für einen Opel Zafira C (Baujahr 2013) eine einzelne Gummifußmatte nur für die Fahrerseite benötigt, weil die vorhandene Matte nur auf der Fahrerseite links vorne abgenützt (durchgetreten) ist, wird von Opel gezwungen, gleich 4 Gummimatten zu kaufen, obwohl er nur die Fahrer-Fußmatte benötigt. Auch sämtliche Autozubehörfirmen haben sich mit Opel abgesprochen, diese unverschämte Obsoleszenz-Strategie nicht zu durchbrechen. Es gibt keinen einzigen Autozubehör-Anbieter wie z.B. A.T.U oder Forstinger, bei welchem man eine einzelne Fahrer-Gummi-Fußmatte bekommen würde. Man muss einen 4-er Satz Gummifußmatten kaufen, um dann drei davon gleich wieder wegzuwerfen, weil man diese ja nicht benötigt.

Wie können Konsumenten der "Geplanten Obsoleszenz" entkommen?

Deutsche Umwelthilfe empfiehlt den Kauf austauschbarer LED-Leuchtmittel

Dass sich die LED-Leuchtmittel bei vielen LED-Leuchten nicht austauschen lassen, wird zum Problem. Empfohlen wird daher stattdessen der Kauf von LED-Birnen mit genormtem Stecksockel. Die Deutsche Umwelthilfe hält neue LED-Leuchten mit fest verbauten Lampen trotz des geringen Energieverbrauchs für bedenklich, weil sich die Leuchtmittel nicht austauschen lassen. Das ist eine schwierige Sache: "Wenn die Lampe kaputt ist, kommt die ganze Leuchte auf den Müll. Da ist die Umweltbilanz natürlich getrübt", sagte der Kreislaufwirtschaftsexperte der Organisation, Philipp Sommer. Sommer appellierte an die Industrie und an die Konsumenten, wo immer es möglich ist, bei LED-Birnen mit genormten Stecksockeln zu bleiben. Bei klassischen Deckenleuchten etwa sollte der Austausch der Lampe möglich bleiben. Die Hersteller erwiderten, es gebe ein ausreichendes Angebot von Leuchten sowohl mit fest verbauten als auch mit austauschbaren LED-Lampen, das jedoch aus Konsumnetsicht zu gering ist. Oft fehlt leider auch die klare Kennzeichnung, ob das Leuchtmittel austauschbar ist. Zur Feststellung müssen oft im Baumarkt die Verpackungen geöffnet werden.[16]

Trend geht leider zu Leuchten mit fest verbauten LED
Die sparsamen Leuchtdioden (LED) setzen sich im Handel immer mehr gegen sogenannte Energiesparlampen und gegen Halogenlampen durch. In Leuchten sind die Dioden immer öfter fest verbaut, was neuartige Designs erlaubt. Unter Umständen sind solche Leuchten auch billiger - etwa wenn Kunden zusätzlich zur Leuchte noch Lampen kaufen müssen. Austauschen kann diese Lampen aber allenfalls der Hersteller. Der Trend geht zu Leuchten mit fest verbauten LED, bestätigte Jürgen Waldorf, Geschäftsführer des Fachverbands Licht im Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie. Das ermögliche nicht nur neue Designs, sondern sei auch Voraussetzung für eine lange Lebensdauer von LED. Vereinfacht gesprochen hilft dann das Gehäuse, die Temperatur der LED-Lampe zu regulieren. Wer dagegen Wert auf austauschbare Leuchtmittel lege, könne auch im Nachhinein die Lichtfarbe und die Farbwiedergabe des Leuchtmittels ändern. Es gibt ein ausreichendes Angebot, der Kunde kann auswählen, was ihm wichtiger ist, sagte Waldorf. LED-Lampen sind extrem länger haltbarer als alte Glühbirnen, bestätigte Umwelthilfe-Fachmann Sommer. Aber auch deren Haltbarkeit kann unter derjenigen der Leuchte liegen. Und Leuchten für 20 oder 50 Euro schicke niemand zum LED-Austausch zum Hersteller. Sie landeten komplett im Müll.[16]

Rasierer ohne Akku leben länger

Ein Beispiel, bei welchem Hersteller die Verbraucher systematisch zu sehr kurzlebigen umweltproblematischen Produkten drängen, sind die Akku-Rasierer oder Akku-/Netzrasierer. Während die Konsumenten noch vor einigen Jahren unter einer sehr großen Anzahl qualitativ sehr guter Netzrasierer (Herrenrasierer oder Damenrasierer) ohne Akku wählen konnten, stellen die großen Rasierer-Hersteller wie Braun, Remington oder Philips kaum mehr gute Netzrasierer ohne Akku her. Auf den Herstellerseiten wird auch kein Link gezielt zu Rasierern ohne Akku angeboten, so dass dem Interessenten für Netzrasierer die Suche nach reinen Netz-Rasierern mit 230 V bewusst erschwert wird. Die wenigen Netzrasierer, welche noch erzeugt werden, werden qualitativ oft so schlecht erzeugt, dass bei Rezensionen z.B. auf Amazon.de, über die schlechte Haltbarkeit der Netzrasierer geklagt wird. Es gibt kaum Internetplattformen, wo man gezielt mit einem Filter nach Netzrasierern ohne Akku suchen kann, wie dies wegen umfangreicher Such-Kriterien auf der Internet-Vergleichsplattform Compare.eu möglich ist.[17]

Geräte-Abnutzung: Umweltbundesamt plant Mindestlebensdauer-Kennzeichnung für Elektrogeräte

Geplante Obsoleszenz könnte durch eine Mindestlebensdauer-Kennzeichung enttarnt werden. Zur Energie-Effizienzklasse gesellt sich möglicherweise bei Elektrogeräten bald noch eine weitere Kennzeichnung. Dr. Ines Oehme vom Umweltbundesamt bestätigte im Interview mit SWR3 [18], dass man derzeit an Konzepten für eine Mindestlebensdauer arbeite.

Keine Reparaturen innerhalb der Mindestlebensdauer
Laut Oehme soll mit dieser Kennzeichnung ein Zeitraum festgelegt werden, in dem für den Kunden keine Reparaturen anfallen dürfen. Während die Angaben bei einigen Produkten in Jahren erfolgen können, soll die Lebensdauer anderer Geräteklassen beispielsweise in Brennstunden bei Lampen oder Waschgängen bei Waschmaschinen errechnet werden. [19]

Hersteller lehnen Vorschlag ab
Die Markenhersteller zeigen sich von der Idee wenig begeistert. Laut Werner Scholz vom Zentralverband Elektrotechnik- und Elektroindustrie sei eine solche Lebensdauerkennzeichnung mit einem sehr hohen Nachprüfungsaufwand verbunden und hätte nur eine sehr begrenzte Aussagekraft. Es bleibt abzuwarten, ob das Umweltbundesamt seine Forderung letztlich gegen die Industrie durchsetzt.[19]

Fairphone 3: Das Smartphone zum selber Reparieren

Jedes Smartphone ist eine kleine ethische Sünde: Rohstoffe aus dubiosen Quellen, niedrige Arbeitslöhne in Fernost – und wegen schlechter Reparierbarkeit sind die meisten Geräte als Wegwerfartikel konzipiert. Fairphone will mit seinem nun präsentierten dritten Modell dagegen halten und verspricht nachhaltig geförderte Metalle, faire Arbeitslöhne und dass jeder Käufer sein Gerät selbst reparieren kann.[20]

Beim Fairphone 3 wird ein gutes Gewissen versprochen

Mit Sicht auf die Nachhaltigkeit ist die Handy-Industrie nicht ganz unproblematisch. Jedes Jahr kommen Hunderte neue Modelle mit winzigsten Pseudo-Innovationen auf den Markt. Woher Bauteile und die dafür nötigen Rohstoffe stammen, ist oft unklar oder der Weg führt in Richtung Krisengebiete. Zudem wird seit Jahren darüber diskutiert, wie Zulieferer und ihre Angestellten behandelt werden und ob sie angemessen bezahlt werden. Die niederländische Firma Fairphone hat sich auf die Fahne geschrieben, diese Probleme zu lösen und bietet ab September 2019 mit dem Fairphone 3 ein Smartphone an, dessen Produktion sich nicht so negativ auf Umwelt, Arbeiter und schlussendlich den Kunden auswirkt. [20]

Ein mitgeliefertes Werkzeug reicht aus, um das Fairphone 3 komplett zu zerlegen

Das Fairphone 3 ist größtenteils anders aufgebaut ist als viele moderne Konkurrenzmodelle. Praktisch alle Baugruppen sind austauschbar – und zwar nicht nur von einer professionellen Reparaturwerkstatt, sondern auch von Laien beziehungsweise dem Besitzer. Dem Fairphone 3 liegt ein einfaches Werkzeug bei, das auf der einen Seite einen Schraubendreher hat und auf der anderen einen Spachtel. Ersterer passt auf alle entfernbaren Schrauben des Geräts. Da die Schrauben alle den gleichen Kopf haben und in ihren Maßen identisch sind, läuft man beim Öffnen des Geräts nicht Gefahr, Schrauben zu vertauschen. Der Spachtel des Werkzeugs dient dazu, das Gehäuse zu öffnen, Kabelverbindungen zu lösen und Module aus dem Gehäuse zu heben. Auch der Akku ist einfach zu entnehmen. Das hat den Vorteil, dass beispielsweise eine Powerbank, also ein zusätzlicher externer Akku, praktisch überflüssig wird. Stattdessen kann man für 30 Euro einen zweiten – oder dritten – Akku dazu bestellen. Dieser ist auch deutlich kompakter als eine ähnlich leistungsfähige Powerbank.[20]

Das gesamte Fairphone 3 ist modular aufgebaut. Der Touchscreen bildet beispielsweise ein Modul, die Kamera mit Fotolicht und dem Kopfhöreranschluss ein anderes. Die Module sitzen jeweils in einem eigenen Gehäuse, das nicht dazu vorgesehen ist, vom Kunden geöffnet zu werden. Um die Module auszutauschen, muss die Nutzerin oder der Nutzer das Gehäuse öffnen, Schrauben herausdrehen und eine Kabelverbindung lösen. Das ist in den meisten Fällen in weniger als zehn Minuten erledigt.[20]

Austausch ohne Vorkenntnisse: Die Bauteile des Fairphone 3 sind in Module gruppiert

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Bauteile des Fairphone 3 sind in Module gruppiert, alle Teile sind einzeln nachbestellbar,
Quellen: Vergleichsplattform Geizhals.eu, [20], beide abgerufen am 1. Juni 2020

Gegenüber Smartphones von anderen Herstellern spart man beim FAIRPHONE 3 beim Austausch von Teilen das Geld für die Arbeitszeit, da der Kunde fast alle Teile recht einfach selbst tauschen kann. Man braucht nicht einmal eine Viertelstunde, um das FAIRPHONE 3 komplett zu zerlegen und wieder (funktionsfähig) zusammenzubauen. Die Arbeitsschritte dazu sind so einfach, dass ein Großteil der Smartphone-Nutzer ohne Probleme Teile des Smartphones tauschen kann. Technische Vorkenntnisse sind nicht nötig.[20]

Niedrige Preise für Ersatzteile, die alle einzeln nachbestellbar sind

Die Module des Fairphone 3 kann man online im Hersteller-Shop nachbestellen. Es sind deutlich mehr als noch bei den Vorgängermodellen – wobei diese weiterhin versorgt werden. So kann man unter anderem den Akku, das Display und die Hauptkamera nachbestellen, aber auch beispielsweise die Module mit USB- oder Kopfhöreranschluss – beides Teile, die gerne nach jahrelanger Benutzung zu Bruch gehen. Die Preise der Ersatzteile liegen zwischen 20 und 50 Euro, das Display bildet mit 90 Euro eine Ausnahme. Auf den ersten Blick sind die Preise recht fair veranschlagt; vor allem wenn man bedenkt, dass andere Hersteller teils mehrere Hundert Euro für ähnliche Ersatzteile verlangen. [20]

Konfliktfreie & recycelte Rohstoffe, faire Arbeitsbedingungen

Im Smartphone stecken jede Menge Edelmetalle und sogenannte Seltene Erden. Auch Fairphone kann darauf nicht verzichten, versucht diese aber möglichst sozialverträglich zu beschaffen. Dazu müsste im Idealfall die gesamte Lieferkette überwacht werden – was sich bereits beim ersten Fairphone als eine der größten Herausforderungen herausgestellt hat. Am weitesten ist Fairphone mit seinen Zielen wohl beim Gold. Der Großteil des Rohstoffs stammt aus Fairtrade-zertifizierten Kleinstminen. Das Zinn stammt aus kleinen, konfliktfreien Minen der Republik Kongo. Außerdem werde daran gearbeitet, recyceltes Zinn zu nutzen. Gleiches gilt für Kupfer, das besonders leicht wiederzuverwenden sei. Dazu sammelt Fairphone unter anderem ausrangierte Smartphones. Für Materialien wie Lithium (für den Akku), Cobalt und Seltene Erden suche Fairphone noch nach passenden Partnern und Versorgungsmöglichkeiten. Der für die Geräte verwendete Kunststoff stamme momentan zu 50 Prozent aus recycelten Produkten. Nähere Informationen zu Rohstoffen stellt Fairphone auf seiner Homepage bereit.[20]

Faire Arbeitsbedingungen bei der Fertigung
Die Endfertigung des Fairphone 3 erledigt die taiwanesische Firma Arima, die Werke in China betreibt. Laut Fairphone hätte die Firma unter anderem deswegen Interesse an einer Zusammenarbeit, um dauerhaft die Zufriedenheit der Mitarbeiter zu steigern und die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Zusammen hätten die Unternehmen drei Jahre lang jeweils 100.000 US-Dollar in Projekte investiert, die auf dem Input der Angestellten basierten. Unter anderem ginge von jedem verkauften Fairphone 1,50 Euro als direkter Bonus an die Angestellten, um deren Lebenshaltungskosten zu decken. Das Geld werde unter allen Mitarbeitern aufgeteilt und nicht nur unter denjenigen, die am Fairphone arbeiten.[20]

Ausstattung: Austauschbarer Akku, Dual-SIM, Display 5.65", 64GB-Flash + MicroSDXC

Kein Netzteil mitgeliefert, USB-C-Kabel zum Aufladen
Was ungewöhnlicherweise im Lieferumfang nicht enthalten ist, sind ein Netzteil und ein USB-Kabel. Allerdings kann man diese bei der Bestellung für jeweils 20 Euro dazu bestellen. Aus nachhaltiger Sicht ist dieser Schritt absolut nachvollziehbar: In den meisten Haushalten sind USB-Netzteile mittlerweile zur Genüge vorhanden. Denn jeder, der schon mal ein Smartphone oder modernes Tablet besessen hat, ist normalerweise bereits im Besitz der Auflade-Hardware. Für das Fairphone 3 ist ein USB-C-Kabel nötig. Der Hersteller hat eine moderne USB-C-Buchse zum Aufladen eingebaut. Mit Blick in die Zukunft ist das ein sinnvoller Schritt: Denn die neue Schnittstelle wird auf kurz oder lang den alten Standard Micro-USB ablösen und ist jetzt schon in einem Großteil moderner Smartphones und teurerer Notebooks zu finden. Unter anderem bieten die Stecker den Vorteil, dass es egal ist, wie rum man sie einsteckt – ähnlich wie bei Apple Lightning. Unter Umständen müssen mehr Kunden ein Ladekabel zum Fairphone 3 dazukaufen, als es noch bei den Vorgängermodellen mit Micro-USB der Fall war. Wer nicht 20 Euro bei Fairphone dafür ausgeben möchte, findet bei anderen Online-Händlern halb so teure, aber weniger hochwertige Exemplare.[20]

Kopfhörerbuchse, austauschbarer Akku, Dual-SIM-Funktion, 64GB-Flashspeicher + MicroSDXC
Fairphone hat ein paar Besonderheiten in das Gerät eingebaut, die heute nicht mehr selbstverständlich sind: Da wäre beispielsweise die klassische Kopfhörerbuchse (3,5-mm-Klinke), die in immer weniger Geräten zu finden ist, weil die meisten Hersteller auf USB- oder kabellose Bluetooth-Kopfhörer setzen. Das schränkt die Auswahl an Zubehör ein. Der austauschbare Akku ist ebenso eine absolute Seltenheit (geworden). Das Fairphone 3 ist für alle Aufgaben gerüstet – ohne Einschränkungen kann man im Netz surfen, fotografieren, Videos streamen oder gar 3D-Spiele spielen. Der Prozessor beziehungsweise das System-on-a-Chip (SoC) “Qualcomm Snapdragon 632” bietet genug Leistung mit insgesamt acht Rechenkernen und einem schnellen Grafikchip. Bei einem Kurztest von POSTEO.de lief die Android-Bedienoberfläche völlig verzögerungsfrei und Apps starteten prompt. Unter anderem dürfte das auch an dem 4 GByte Arbeitsspeicher liegen. Ähnliches gilt für den Flash-Speicher, also quasi die Festplatte des Smartphones, auf dem Apps, Fotos und Medien gespeichert werden. Der Hersteller hat 64 GByte eingebaut, von denen etwa 13 GByte vom Betriebssystem belegt werden. Für die meisten Nutzer dürfte diese Menge ausreichen. Braucht man dennoch mehr, kann man eine Speicherkarte (MicroSDXC) ins Gerät schieben. Diese sind beispielsweise mit 128 GByte für rund 20 Euro erhältlich. Außer der Speicherkarte lassen sich dank Dual-SIM-Funktion zwei SIM-Karten gleichzeitig verwenden.[20]

Display 5.65" mit kratzresistentem Gorilla Glas 5, Gehäuse, Akku
Das Display hat eine Diagonale von 5,65 Zoll und zeigt eine erweiterte Full-HD-Auflösung im 18:9-Format (2160 × 1080 Pixel). Das reichte im Kurztest für eine absolut scharfe Darstellung. Durch das größere Display wächst das gesamte Gerät ein wenig und dürfte mit fast 16 Zentimeter Länge nicht mehr in jeder Hosentasche Platz finden. Das Gerät ist mit fast 1 Zentimeter dicker ist als andere aktuelle Smartphones. Dafür ist der Akku auf 3000 mAh angewachsen. Das sollte bei durchschnittlicher Nutzung mindestens für einen ganzen Tag Betrieb ohne Nachladen reichen, bei sparsamem Gebrauch auch für eineinhalb Tage. Das Gehäuse ist nach Schutzart IP57 zertifiziert. Das bedeutet, dass das Fairphone gegen Staub geschützt ist und man es zeitweilig unter Wasser tauchen kann, ohne dass es Schaden nimmt. Das Display schützt kratzresistentes Gorilla Glas 5.[20]

Android 9, Updates für fünf Jahre versprochen
Als Betriebssystem kommt das aktuelle Android 9 zum Einsatz. Außer den obligatorischen Google-Apps, sind keine zusätzlichen Programme vom Hersteller installiert – sogenannte Bloatware. Auf einem Testgerät im September 2019 war die Android-Sicherheitspatch vom August 2019 installiert. Am Fairphone 2 wurde Kritik geäußert, weil es nur bis Android 7.1 aktualisiert wurde. Grund waren unter anderem fehlende Treiber der Hardware-Zulieferer. Die wichtigeren Sicherheits-Patches werden aber bis heute geliefert. Fairphone verspricht, die Software fünf Jahre lang mit Updates zu versorgen.[20]

Preise ab 444 € ohne Netzteil
Das Fairphone 3 kann man ab September 2019 für 450 Euro im Online-Shop des Herstellers und beim Mobilfunk-Provider mobilcom-debitel bestellen. In Österreich ist das FAIRPHONE 3 bei Saturn, im Mediamarkt und bei Magenta zu bekommen. Im Vergleichsportal compare.eu wird das FAIRPHONE 3 am 1. Juni 2020 ab 443,69 € angeboten. Ein Großteil der Vorgängermodelle ging nach Deutschland. Laut CEO Eva Gouwens habe die Firma insgesamt 170.000 Fairphone 1 und 2 verkauft. Im 4. Quartal 2019 plant Fairphone rund 40.000 Fairphone 3 zu verkaufen. Zum Vergleich: Apple verkauft mehr als 860.000 iPhones am Tag.[20]

Weitere Informationen

Literatur

Siehe auch

Web-Links

Wikipedia-Links

Einzelnachweise

  1.  Jürgen Reuß und Cosima Dannoritzer: Buchtipp: Kaufen für die Müllhalde - Das Prinzip der geplanten Obsoleszenz. ISBN 9783936086669.
  2. Sollbruchstelle in duden.de, abgerufen am 24. Juni 2013
  3. Datei:London (1932) Ending the depression through planned obsolescence.pdf, 1932
  4. geplante-obsoleszenz-der-motor-der-wirtschaft
  5. Dokumentarfilm von Cosima Dannoritzer, Kaufen für die Müllhalde, 75 Minuten, 2010. (Online) (Min.: 0-1:40, 12:05-13:02, 25:08-25:59, 51:36-52:08)
  6. Lebensdauer von Produkten (german). konsument.at (24. Januar 2013). Abgerufen am 30. Januar 2013.
  7. Kaufen für die Müllhalde, IMDb
  8. Kaufen für die Müllhalde, Arte
  9. Kaufen für die Müllhalde, Phoenix
  10. Guangzhou International Documentary Film Festival, China 2010
  11. SCINEMA awards, Australia 2011
  12. filmambiente, Brasilien 2011
  13. Japan Prize 2011
  14. 14,0 14,1 14,2 Neue Ökodesign–Richtlinie fördert Langlebigkeit von Elektrogeräten, Sonderabfall-Wissen.de, 1. Juni 2019, abgerufen am 8. Juni 2019
  15. 15,0 15,1 Verbraucherschützer kritisieren fest eingebaute LED-Lampen, 2. Mai 2016, abgerufen am 28.3.2017
  16. 16,0 16,1 Umwelthilfe bemängelt Ökobilanz fest verbauter LED-Lampen, futurezone.at, 18.10.15, abgerufen am 38.3.2017
  17. Internetangebote von Elektrorasierern mit Stromversorgung (Netzrasierer für 230V ohne Akkumulator), compare.eu, 17 Artikel bei Abruf am 4.8.2013
  18. Interview mit Dr. Ines Boehme in SWR3: Neue Kennzeichnung gefordert „Gerät geht nicht kaputt bis…“, 24. Juni 2015
  19. 19,0 19,1 Geräte-Abnutzung: Umweltbundesamt plant Mindestlebensdauer-Kennzeichnung für Elektrogeräte, ComputerBild.de, 26. Juni 2015
  20. 20,00 20,01 20,02 20,03 20,04 20,05 20,06 20,07 20,08 20,09 20,10 20,11 20,12 20,13 Fairphone 3: Das Smartphone zum selber Reparieren, POSTEO.de, 28. August 2019, abgerufen am 1. Juni 2020